Weihnachten und Bücher, das gehört irgendwie zusammen – Ja, aber …

Es weihnachtet sehr und alle nutzen die Gelegenheit, um das unter die Leute zu bringen, was sie

Bücherweihnacht
Bücherweihnacht

schon immer gerne verkaufen wollten.

Und natürlich schließen sich auch alle an, die „was mit Büchern“ machen. Die Buchhandlungen, die Verlage, die Autor*innen.

Also auch ich.

Ganz egal, wie kritisch wir Autor*innen der kapitalistischen Wirtschaft und der auf ihr begründeten Gesellschaft, in der wir nun mal alle leben, gegenüberstehen: Wir nutzen jede Gelegenheit, um unsere Produkte loszuwerden, sie einzutauschen gegen das Geld potentieller Leserinnen und Leser.

Also nutzen wir auch Weihnachten.

Weihnachten und Bücher, das gehört irgendwie zusammen. Irgendwie. Es hat was mit romantischer Stimmung zu tun und mit viel Zeit. Bei Kerzenschein und schöner Musik im Hintergrund auf der Couch liegen und ein Buch lesen, auf dem kleinen Tischchen daneben eine Tasse Kaffee oder Tee, Weihnachtskekse und noch eine Kerze – so oder so ähnlichen stellen wir uns in unseren geheimsten Gedanken Weihnachten vor. Jedenfalls stellen sich vermutlich viele Weihnachten so vor. Auch wenn es meist nicht so kommt, weil vor allem die viele Zeit fehlt zwischen all den Verwandtenbesuchen und Kirchgängen (wenigstens einmal im Jahr muss das ja doch sein) zwischen Kochen und Essen und einem Verdauungsspaziergang vor dem nächsten Essen.

Weihnachten heißt aber auch Sterben im kalten Wasser des Mittelmeers, frieren in Zelten und dünnen Schlafsäcken in den Flüchtlingscamps in Griechenland und Umgarn und anderen Grenzbereichen der europäischen Festung.

Weihnachten heißt, uns Reden anzuhören von Menschen aus der großen Politik, die uns erzählen werden (wie in jedem Jahr) dass Weihnachten das Fest des Friedens ist (auch wenn in Aleppo und anderswo schon fast niemand mehr die Bedeutung des Wortes Frieden überhaupt kennt), dass wir deshalb die Armen unterstützen und den Verfolgten Zuflucht (in weihnachtlichen Worten den Herbergsuchenden mehr als einen Stall und eine Krippe) gewähren sollen und vor allem: Dass „wir“ das auch tun. Mit diesem „wir“ ist unser Land gemeint unter Anleitung eben dieser Politiker mit eben diesen großartigen Reden.

Wir, mit diesem „wir“ sind nun die einzelnen Menschen in diesem Land gemeint, hören Aussagen, die wir auf jeden Fall und immer und überall unterstützen würden. Denn auch wir sind für Frieden und Schutz für alle Verfolgten. Wir nicken und freuen uns und nehmen unsere Weihnachtsbücher und setzen uns auf die Couch und …

Aber wenn wir dann sitzen und lesen wollen, dann holen uns diese Reden vom Weltfrieden und der Herbergsuche wieder ein. Dann macht sich plötzlich das „Ja, aber“ bemerkbar. Erst ganz leise und dann immer lauter. Das „Ja, aber“, das in diesen Reden zu Weihnachten verschwiegen wird, an das wir uns aber aus der Vorweihnachtszeit ganz gut erinnern und das uns in der Nachweihnachtszeit schnell wieder einholen wird.

Ja, aber – wir können sie doch nicht alle aufnehmen

Ja, aber – nicht alle haben einen Grund zur Flucht, sind doch so viele von den Flüchtlingen nur arm und ohne Existenzgrundlage, aber nicht von Bomben bedroht.

Ja, aber – die Folgen der Klimaveränderung und von Europäern leer gefischte Meere und von europäischen Investoren gestohlenes Ackerland sind doch keine Gründe, dass die Menschen ausgerechnet nach Europa fliehen.

Ja, aber – wir können doch nicht auf Waffenexporte verzichten, was ist mit unseren Arbeitsplätzen, wenn es keine Kriege mehr gibt?

Ja, aber – auch wenn sie ihre Kinder in Syrien zurückgelassen haben, es genügt doch, wenn sie die erst in zwei Jahren nachholen dürfen (falls diese dann noch leben)

Ja, aber – unsere Grenzen sind zwar offen, aber eben nur für die, denen es gelungen ist, die geschlossenen Grenzen rund um Europa zu überwinden

Ja, aber –

Wenn dann dieses „Ja, aber“ immer lauter wird und wir eigentlich lesen wollen, dann ist die Zeit dazu reif, Bücher zu lesen, die uns dabei helfen, unser eigenes „Nein, aber“ zu finden, in Worte zu fassen und groß und stark und laut werden zu lassen. Manchmal dienen diese Bücher auch dazu, das „Ja, aber“ überhaupt erst hörbar zu machen als ersten Schritt zum „Nein“, mit dem wir uns diesem verlogenen Gesäusel von offenen Grenzen und Frieden entgegenstellen und dem ein „JA“, ganz ohne „aber“ folgt.

Ein JA zu den Menschen, ganz egal, warum sie Hilfe benötigen, ein JA zum Frieden ohne Waffenexporte, ein JA zu offenen Grenzen auch dort wo heute eiserne Mauern die europäische Festung nach außen abschotten und unendlich viele Menschen in den Tod schicken.

Wenn das unseren Büchern gelingt, dann haben wir (das ist nun das dritte wir in diesem Text, das Autor*innen-wir) doch ein wenig erreicht mit unserem Schreiben.

Auch wenn uns Zweifel an unserer eigenen Vorgehensweise bleiben:

Wir nutzen jede Gelegenheit, um unsere Produkte loszuwerden, sie einzutauschen gegen das Geld potentieller Leserinnen und Leser. Also nutzen wir auch Weihnachten.

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