Leseproben

 

Aus: „Die Asylentscheiderin“

Textauszug 1

Seit Tagen hatte ich nicht mehr geschlafen. Sobald ich mich ins Bett legte und die Augen schloss, kamen sie zu mir. Weiße, braune, schwarze Gesichter. Frauen, Männer, Kinder. Alte und Junge. Ein Mann trug sein ertrunkenes Kind auf dem Arm, von dem das Wasser in mein Bett tropfte, eine Frau hielt mir ihr steifes, erfrorenes Baby hin, als ob sie es mir geben wollte. All diese Gestalten, all diese Menschen hatte ich ins Elend, wenn nicht sogar in den Tod geschickt, so schien es mir. Auch wenn sie nur schweigend um mich herumstanden, so glaubte ich doch zu hören:

„Du hast uns weggeschickt, du hast entschieden, dass wir gehen müssen. Zurück in ein Land, in dem wir nicht leben können. In dem sie uns nicht in Ruhe leben lassen.

In ein Land in dem wir nicht leben können, weil wir keine Arbeit haben, kein Haus, kein Essen für unsere Kinder. Weil die meisten so arm sind, dass es gerade mal zum Überleben reicht, aber nicht zum Leben. Und für manche noch nicht einmal dazu.

In ein Land, in dem sie uns nicht in Ruhe leben lassen. Weil wir Roma sind, weil wir lesbisch sind oder schwul oder transsexuell. Weil wir Frauen sind und deshalb ständig in Gefahr und ohne Möglichkeit, jemals unser eigenes, unabhängiges Leben zu leben.

Du hast entschieden, dass wir gehen müssen, weil es kein besonderes Gesetz in unserem Land gibt, das bestimmt, dass wir verfolgt werden für das, was wir sind. In ein Land, in dem es aber auch niemanden gibt, der unsere Unterdrückung verhindert.“

Ich drehte mich weg, aber auf der anderen Seite des Bettes standen sie auch. Obwohl da die Wand war, starrten mich auch von dieser Seite die Gesichter an und ich hörte ihre stummen Vorwürfe. Ich zog die Decke über den Kopf, wollte nichts mehr sehen und nichts mehr hören, wollte nur meine Ruhe haben und schlafen. Schlafen …

Aber auch in den Schlaf hinein verfolgten sie mich. Ob ich die Augen geöffnet oder geschlossen hatte, immer sah ich sie da stehen, sah ihre Blicke und hörte ihre Klagen gegen mich. Dann dämmerte ich weg und der Traum führte mich vor ein Tribunal. Ich war die Angeklagte, vor mir saßen mehrere Richter in ihren schwarzen Roben und blätterten in meinen Akten. Ich konnte genau sehen, dass dies von mir angelegte Akten waren. Schicksale, über die ich entschieden hatte oder über die ich noch entscheiden musste. Ich drehte mich um, weil ich es hinter mir raunen hörte und sah wieder ihre Gesichter. Weiße, braune, schwarze Gesichter. Alte Gesichter und junge, die schon fast genauso verbraucht und gezeichnet wirkten wie die der Älteren. Ich wollte aufstehen, versuchte verzweifelt von meinem Stuhl hochzukommen und erwachte, als es nicht gelang. Aber im Erwachen war keine Rettung, denn nun standen sie wieder um mein Bett herum und sahen mich an. Sahen mich an mit diesem verlorenen, diesem verzweifelten Blick, den ich in den letzten Monaten immer und immer wieder bei all den Menschen gesehen hatte, die vor mir in meinem Büro saßen, mit schwitzenden Händen, unruhigen Füßen und einem Geruch nach Angst, der mich nach jedem Interview das Fenster aufreißen ließ.

Textauszug 2

Das Büro befand sich im zweiten Stock, das Fenster ging auf einen asphaltierten Hinterhof, in dessen Mitte sich aus einem kleinen, mit Pflastersteinen umrandeten Stück Erde ein großer grüner Baum erhob. Ob Buche, Ahorn oder Apfelbaum wusste ich nicht. Von Biologie habe ich keine Ahnung, aber ich freute mich über die Aussicht ins Grüne. Ich versuchte gerade erfolglos das Fenster zu öffnen, als Karl-Heinz mit zwei Kaffeebechern ins Zimmer kam.

„Mir ist mal ein Klient aus dem Fenster gesprungen, weil ich ihm auf sein Drängen hin nicht bestätigen wollte, dass meine Entscheidung über sein Aufenthaltsrecht auf jeden Fall positiv ausfallen würde“.

Ich drehte mich entsetzt zu ihm um, aber Karl-Heinz stellte nur ganz lapidar fest: „Er hat sich ein Bein gebrochen, nicht so schlimm. Die Abschiebung musste halt um ein paar Wochen verschoben werden. Aber das will ich nicht noch mal erleben und deshalb lässt sich das Fenster nur noch kippen. Das genügt, um zu lüften, und wenn es im Sommer sehr heiß wird, lassen wir eben die Tür offen stehen. Klimaanlage gibt es leider nicht in diesem alten Gebäude.“

Schweigend trank ich meinen Kaffee. Theorie und Praxis, dachte ich, immer noch erschüttert. Aber bei mir würde es das nicht geben. So nett Karl-Heinz mir auf Anhieb erschienen war, so musste er doch irgendetwas falsch gemacht haben. Niemand sprang einfach so aus dem Fenster. Entweder hatte Karl-Heinz einen Fall falsch beurteilt und jemanden abgewiesen, der ausreichende Gründe hatte, hierzubleiben, oder es war ihm nicht gelungen, dem Mann klarzumachen, dass er es zu Hause doch viel besser hätte, wenn er sich entsprechend bemühte. Und um richtig zu beurteilen und unmissverständlich zu erklären, worin diese Bemühungen bestanden, dafür würde ich alles geben. Karl-Heinz musste einen fatalen Fehler begangen haben. Oder hatte der Klient ihm gar keine Zeit mehr gelassen, aufzuzeigen wie es für ihn weitergehen würde, welche Chancen es für ihn in seiner Heimat gab? Auch das wäre möglich. Ein Kurzschluss eben, der konnte immer mal vorkommen, und da war es eine sehr gute Idee von Karl-Heinz, das Fenster entsprechend feststellen zu lassen. Ich beruhigte mich wieder. Das würde ich in meinem eigenen Büro von Beginn an ebenso halten. Kurzschlussreaktionen waren immer möglich, ganz egal, wie gut man sich auf einen Fall vorbereitete. Also musste einfach Vorsorge getroffen werden, dass so etwas, wie es Karl-Heinz geschehen war, nicht mehr vorkam. Im Stillen tat ich ihm Abbitte für meine spontanen Zweifel an seinem Verhalten, die ich zunächst gehabt hatte.

„Gute Idee“, sagte ich, quasi zur Wiedergutmachung. „Das merke ich mir für mein künftiges Büro.“

Karl-Heinz sah auf seine Armbanduhr, trank in einem Zug den Kaffeebecher leer, warf ihn in den Papierkorb – gab es hier denn keine Kaffeemaschine, aus der man Kaffee in einen eigenen Porzellanbecher füllen konnte? Dem musste ich auf den Grund gehen, Plastikbecher konnte ich nicht leiden und umweltfreundlich waren sie nun ja auch nicht gerade. Das war allerhöchstens eine Lösung für den Notfall.

Karl-Heinz stand auf.

„Zeit fürs erste Interview heute“, sagte er und nahm eine Akte aus dem Regal. „Bleib du erst mal sitzen und hör zu.“ Mit diesen Worten gab Karl-Heinz mir den Ordner. „Du kannst dich schon mal einlesen. Heute kommt eine Frau aus Syrien, das wird aller Voraussicht nach ziemlich schnell gehen und sie wird bleiben dürfen. Trotzdem müssen wir natürlich genau nachfragen und ihre Geschichte festhalten.“

Textauszug 3

„Es sind ja alles immer ähnliche Geschichten. Der Krieg in Syrien steht an erster Stelle. Bomben, zerstörte Häuser, zerstörte Existenzen, zerstörte Leben.“

Ich erzählte in groben Zügen Safiyes Geschichte, die nur eine von vielen war, die ich mir inzwischen angehört hatte.

„Aber die Kriegsflüchtlinge dürfen ja auch bleiben. Es ist schlimm anzuhören was sie erzählen, aber ich weiß, ich kann ihnen schon bald gute Nachrichten zukommen lassen. Sie werden auch die ersten sein, die ich abarbeite, damit sie nicht unnötig lange warten müssen und schnell damit beginnen können ihr neues Leben in Deutschland zu organisieren.“

Cochise nickte.

„Und wer kommt sonst noch zu dir? Du hast doch sicher auch schon Interviews mit Menschen aus anderen Ländern und mit anderen Fluchtgründen gemacht.“

Ich erzählte von Makwetu aus Uganda und von der kleinen mazedonischen Familie. Auf Cochises Frage, wie ich denn in diesen Fällen entscheiden würde, zuckte ich mit den Schultern.

„Noch ist nichts entschieden Es kommt ja immer drauf an. Auf die einzelnen Länder, auf die einzelnen Personen und ihre jeweilige Situation. Ich brauche noch Zeit, um das alles genau zu prüfen“, redete ich mich heraus.

Lieber hätte ich die Wahrheit gesagt. Dass ich eigentlich schon lange entschieden hatte, dass mir schon klar war, als ich die Akten nach der Befragung schloss, wie ich entscheiden würde. Dass mir vorgegeben war, wie ich entscheiden musste, wenn ich mich an die Gesetze hielt und sie nicht nach Belieben auszulegen und auszuweiten versuchte. Was mit Sicherheit möglich wäre, aber wem wäre damit geholfen? Langfristig gedacht ging es den Betroffenen zu Hause oder im direkten Nachbarland besser, davon war ich überzeugt – jedenfalls glaubte ich daran oder wollte daran glauben – und sie nahmen den wirklich Verfolgten und Schutzbedürftigen keine Plätze weg. Aber das dachte ich nur im Stillen. Cochise würde mich nicht verstehen, sie hatte noch nicht gelernt langfristig zu denken, würde es möglicherweise auch nie lernen.

„Aber der Junge aus Uganda, der kann doch auf keinen Fall zurück“, unterbrach Cochise meine gedanklichen Exkursionen.

„So einfach kann man das nicht mit ja oder nein beantworten.“

Ich musste nun wohl doch etwas genauer erklären, was es für Möglichkeiten gab.

„Er kann nicht zurück nach Kampala wo man ihn kennt, da hast du recht. Aber er kann zurück nach Uganda. Uganda ist groß und er muss schließlich nicht auf der Straße herumknutschen. Niemand wird wissen, dass er schwul ist, wenn er in einer anderen Region lebt. Und niemand wird es erfahren, wenn er ein wenig vorsichtig ist.“

„Aber“, setzte Cochise an, „aber er kann doch nicht immer im Geheimen leben, immer in Angst, erkannt zu werden.“

„In Uganda mögen sie die Schwulen nicht, aber niemand wird ihn als Schwulen erkennen, wenn er es nicht will. In Deutschland gibt es immer noch viele Menschen die keine Schwarzen mögen. Und das kann er nicht verstecken. Was ist also wohl besser für ihn?“„Aber …“, mehr wusste Cochise darauf nicht zu antworten. Ich hatte sie ausgeknockt, erkannte ich zufrieden, obwohl mir die Antwort, die ich so einfach ohne nachzudenken rausgehauen hatte, auch nicht gefiel.

Aus: „Nennen wir sie Eugenie“

Eugenie hatte Glück. Sie bekam ein Zimmer für sich allein. Die Tür ließ sich nur halb öffnen, dann stieß sie ans Bett, das die gesamte Längswand des Raumes einnahm. Hinter dem Bett war ein Fenster in die Wand eingelassen, das sich nur öffnen ließ, wenn man das Bett von der Wand abrückte. Dazu musste die Tür geschlossen sein. Am Kopfende stand neben dem Bett ein kleines Kästchen, daneben ein Stuhl, dann war die Wand zu Ende. Vor dem Stuhl gab es einen winzigen wackeligen Tisch mit einer Schublade, die sich nur mit Gewalt und viel Geduld öffnen ließ. Daneben war ein Waschbecken angebracht, von dem eine Ecke leicht abgesplittert war. Der Wasserhahn tropfte. Langsam und stetig.
Zwischen Tür und Waschbecken befand sich ein alter Metallspind, in dem jemand eine Zeitung mit ihr unbekannten Schriftzeichen und eine Tasse ohne Henkel hinterlassen hatte.
Eugenie hatte nicht ganz zwei Meter mal einen Meter, um sich zu bewegen, aber sie besaß einen Raum für sich allein und in der Tür steckte ein Schlüssel. Jemand schien sich am Schloss zu schaffen gemacht zu haben, aber es funktionierte noch.
Eugenie war fast glücklich. Der Mensch wird schnell bescheiden: Wird ihm alles genommen und dann ein wenig davon zurückgegeben, so fühlt er sich reich beschenkt. So ging es Eugenie. Und plötzlich begann der Nebel sich zu lichten. Die Schwaden waberten langsam davon, von ihr weg, hinaus durch die Ritzen des geschlossenen, aber undichten Fensters. Und der Wasserhahn tropfte. Langsam und stetig.
Eugenie ließ sich aufs Bett fallen – und landete unsanft, denn die Matratze war dünn und darunter gab es nur ein Brett. Aber das störte sie nicht. Sie lauschte dem Tropfen des Wasserhahns und ganz langsam fand sie zurück ins Spiel ihres Lebens. Sie war noch immer am Zug, auch wenn sie sich nicht an ihre letzten Schritte erinnern konnte. Sie war immer noch dran und ab jetzt würde sie wieder aktiv und bewusst spielen, alle Wege ausprobieren, um am Ende den richtigen zu finden, der sie ans Ziel führte.
Sie verstaute ihre wenigen Utensilien im Blechspind, der zwar verbeult und rostig, aber doch einigermaßen sauber war. Dann zog sie den Schlüssel aus dem Schloss der Zimmertür und befestigte ihn an einem kleinen Plüschlöwen, der einen Schlüsselring trug. Seraba hatte ihn ihr beim Abschied geschenkt. „Das ist Seraba“, hatte sie gesagt, „und der hier“ – sie zeigte Eugenie einen zweiten ebensolchen Löwen – „der hier ist Eugenie, der bleibt bei mir. Eines Tages werden die beiden Löwen wieder zusammen sein.“
Eugenie barg den kleinen Löwen in ihrer Hand und erinnerte sich. Dann gab sie sich einen Ruck und verließ das Zimmer. Sie schloss ab und begann damit, das Haus zu erforschen, das nun für die nächste Zeit ihr Zuhause sein würde. Ihr Zimmer befand sich im Erdgeschoss. Von einem langen, breiten und dunklen Flur gingen viele Türen ab, hinter denen sich andere Zimmer und andere Menschen befanden. Die alte Kaserne besaß drei Stockwerke und unzählige verschieden große Räume, einige so klein wie das von Eugenie, die meisten aber groß und mit mehreren Bewohnern besetzt. Aus den Türen tönte Musik aller Art, Streit, Lachen, Kindergeschrei und ein Gewirr vieler unterschiedlicher Sprachen. Im Erdgeschoss gab es eine große Küche, deren Einrichtung aus ein paar sehr alten Herden bestand, die teilweise ihre Drehschalter und Knöpfe verloren hatten. Geputzt worden waren sie wohl schon lange nicht mehr. Genauso wenig wie das große Spülbecken aus ursprünglich weißem Porzellan, das viele Risse aufwies und wohl nicht ganz dicht war, wie die Pfütze darunter ahnen ließ. Eugenie konnte sich nicht vorstellen, hier zu kochen, auch wenn der appetitliche Geruch, der in der Luft hing, ihr Hunger machte. Es konnte noch nicht allzu lange her sein, dass hier gekocht worden war, obwohl sich nirgends eine Menschenseele blicken ließ.
Sie ging weiter, der unterwegs immer stärker werdende Geruch nach Urin zeigte ihr den Weg zu den Toiletten. Sie warf einen kurzen Blick hinein, schloss aber schnell die Tür wieder hinter sich und ging die Treppe hinauf ins erste Obergeschoss, in der Hoffnung, dort etwas bessere Zustände vorzufinden. Im ersten Stock gab es keine Küche, dafür Gemeinschaftsduschen, die nur unwesentlich sauberer waren als die Toiletten im Erdgeschoss. Die einzelnen Duschkabinen waren durch Bretterwände, die unten und oben offen waren, voneinander abgetrennt. Ein Vorhang aus Plastik verschloss die Kabine nach außen. Bei den meisten waren einige Ringe ausgerissen und Eugenie unterteilte die Kabinen in gute und schlechte, je nachdem, ob die Aufhängung in der Mitte oder am Rand defekt war, was dann keinen vollständigen Sichtschutz bot. Zu allem Überfluss schien es keine getrennten Duschen für Männer und Frauen zu geben. Eugenie, die es gewohnt war, täglich zu duschen, grübelte, wie sie dieses Problem lösen sollte. Dann erinnerte sie sich an ihr privates Waschbecken im Zimmer und beschloss, dass dies wohl zunächst genügen müsste. Auch der dritte Stock war nicht besser. Es roch noch schlimmer nach Urin als unten. In der Mitte hatte Eugenie keine Toiletten finden können, was den fehlenden Geruch erklärte. Duschen gab es keine, Toiletten und Küche waren in einem ähnlichen Zustand wie im Erdgeschoss.
Besonders willkommen schien sie den Deutschen nicht zu sein, überlegte Eugenie, während sie die Treppe wieder nach unten ging.

Aus: „Spanische Dörfer – Wege zur Freiheit“

Der Mann neben ihr am Strand schreit: „Lauf!“ Und noch einmal: „Los! Lauf!“
Sie versteht, obwohl es nicht ihre Sprache ist, in der er es ihr zuruft. Und so läuft sie los, ohne nachzudenken, ohne zurückzusehen. Sie läuft einfach los und hört erst wieder auf zu laufen, als sie sich allein in einem kleinen Dorf wiederfindet, mitten auf dem Dorfplatz. Angestarrt von einer Sechsjährigen, die gedankenverloren in der Nase bohrt. Und von einem Alten, der auf seinen Stock gestützt vornübergebeugt auf einer Bank sitzt und in regelmäßigen Abständen kleine Rauchwölkchen in die Luft entlässt.
Der Alte und das Kind scheinen nichts miteinander zu tun zu haben, und als sie mitten auf dem Platz zusammenbricht, erstarrt das Kind, zieht den Finger aus der Nase und läuft weg. Der Alte bläst weiterhin seine Wölkchen, er sieht sie nicht und hört sie nicht. Er sieht und hört wohl gar nichts mehr – hat schon genug in seinem langen Leben gesehen und gehört, sodass es ihm für alle Zeiten ausreicht.

*

„Europa ist frei. In Europa wirst auch du frei sein“, so hatten sie gesagt. Und diese Hoffnung auf Freiheit hatte sich in ihr eingebrannt und ließ sie alles auf sich nehmen, was diese Reise, die eigentlich keine Reise war, mit sich bringen sollte. Reisen war etwas Freiwilliges. Sie aber hatte sich nicht aus freiem Willen auf den Weg gemacht. Sie musste weg, musste los, musste alles hinter sich lassen, um frei zu sein – um zu leben.
Auf ihrem Weg begegneten ihr viele, die zu Hause nichts mehr hielt, die es lieber gegen die Fremde eintauschen wollten, weil sie der Überzeugung waren: „Europa ist frei. In Europa wirst auch du frei sein.“
Trotz der riesigen Entfernung waren auch bei ihnen vor einigen Jahren die Bilder einer stürzenden Mauer angekommen, die ein Land mitten in Europa jahrzehntelang geteilt hatte. Bilder von Zäunen am Rande des damaligen Europas, die abgebaut wurden. Nein, nie wieder würde es Mauern geben in Europa oder Zäune, so hieß es. Europa ist jetzt frei und wird frei bleiben.
Und frei sein hieß doch zu tun und zu lassen, was man wollte. Zu heiraten oder nicht, zu lieben, wen man wollte, zu essen zu haben, wenn man hungrig war, und vor allem, leben zu können – ohne Angst vor bewaffneten Männern mit oder ohne Uniformen, die mit einem anstellen durften, was ihnen gerade in den Sinn kam.
Und so war sie eines Nachts aufgebrochen, nur mit dem Notwendigsten bei sich, und hatte alles und alle zurückgelassen. Sie war allein und konnte gehen, musste kein Kind mit sich nehmen und keines zurücklassen.
„Lauf! Los, lauf!“, flüsterte jemand hinter ihr, als sie mit dem Rucksack, in dem alles war, was sie für ihr neues Leben brauchte, auf die Straße trat und dort noch einmal zögerte, den Schritt aus ihrem alten Leben hinaus zu tun.
„Lauf! Los, lauf!“
Sie wusste nicht, hatte wirklich jemand geflüstert oder bildete sie es sich nur ein? Sie sah nicht mehr zurück, sondern lief einfach los. Sie musste sich beeilen, die ersten Anzeichen der Dämmerung waren in der Ferne schon zu erkennen. Sie sah nicht mehr zurück und sie beschloss in diesem Augenblick, niemals mehr zurückzublicken. Sie wollte vergessen, was hinter ihr lag, wer sie war und woher sie kam. Sie hatte es schon vergessen. Sie lief und lief, bis sie nicht mehr konnte. Suchte einen sicheren Ort zum Ruhen, aß und trank, was sie mitgenommen hatte, und dann lief sie weiter. Irgendwann hörte sie auf zu laufen und verfiel in eine gemächlichere Gangart, um nicht die Blicke der Menschen auf sich zu ziehen. Wer läuft, macht sich verdächtig. Wer mit einem prallen Rucksack auf dem Rücken läuft, macht sich sehr verdächtig. Also schritt sie nun zügig voran. Immer Richtung Norden, der Freiheit entgegen.
Sie ging bei Tag und sie lief in der Nacht, und wenn sie einen sicheren Platz fand, schlief sie. In den Dörfern unterwegs versorgte sie sich mit dem Nötigsten und so vergingen die Tage, einer nach dem anderen. Sie zählte sie nicht.
An jedem neuen Tag löschte sie die Erinnerung an den vergangenen. Erinnern wollte sie sich erst wieder, wenn sie in Europa war. Ab dem ersten Tag ihres neuen freien Lebens würde sie wieder zulassen, dass sich die Tage in ihre Erinnerung einprägten. Das alte Leben aber sollte für immer vergessen bleiben.

Und noch ein kurzer Auszug:

Leon:

Manchmal – ganz selten – werde ich blöd angequatscht. Schräge Blicke gibt’s schon öfter. Wenn zum Beispiel jemand, der mich nicht kennt, sieht, wie ich das Lehrerseminar betrete. Meistens ist mir das egal, aber heute hat es mich voll erwischt. Gestern Abend haben Felisa und ich uns wegen irgendeiner Kleinigkeit gestritten. Anschließend haben wir uns wieder versöhnt und eigentlich war alles bestens heute morgen. Aber meine Haut war irgendwie dünner als sonst. Als ich das Fahrrad vor dem Lehrerseminar an eine Laterne anschließen wollte, fiel ich beim Absteigen fast um. Da hatte doch irgend so ein Vollidiot den Teer genau an der Stelle aufgerissen, an der ich immer mein Fahrrad abstelle. In Gedanken war ich noch bei meiner Versöhnung mit Felisa. Und so musste ich, ein Bein schon hochgeschwungen zum Absteigen, eine Vollbremsung hinlegen. Das sah wohl nicht so wirklich elegant aus. „Guck mal, Mama“, hörte ich eine Kinderstimme. „Der ist ja zu doof zum Fahrradfahren.“ „Ach weißt du“, kam prompt die Antwort der Mutter, „der kann da nichts dafür. Der Mongo ist schon krank auf die Welt gekommen.“

Und jetzt sitze ich hier, will lernen und höre immer wieder in meinem Kopf: Der Mongo ist schon krank auf die Welt gekommen.

Aus: „Nennen wir sie Eugenie“

Eugenie hatte Glück. Sie bekam ein Zimmer für sich allein. Die Tür ließ sich nur halb öffnen, dann stieß sie ans Bett, das die gesamte Längswand des Raumes einnahm. Hinter dem Bett war ein Fenster in die Wand eingelassen, das sich nur öffnen ließ, wenn man das Bett von der Wand abrückte. Dazu musste die Tür geschlossen sein. Am Kopfende stand neben dem Bett ein kleines Kästchen, daneben ein Stuhl, dann war die Wand zu Ende. Vor dem Stuhl gab es einen winzigen wackeligen Tisch mit einer Schublade, die sich nur mit Gewalt und viel Geduld öffnen ließ. Daneben war ein Waschbecken angebracht, von dem eine Ecke leicht abgesplittert war. Der Wasserhahn tropfte. Langsam und stetig.
Zwischen Tür und Waschbecken befand sich ein alter Metallspind, in dem jemand eine Zeitung mit ihr unbekannten Schriftzeichen und eine Tasse ohne Henkel hinterlassen hatte.
Eugenie hatte nicht ganz zwei Meter mal einen Meter, um sich zu bewegen, aber sie besaß einen Raum für sich allein und in der Tür steckte ein Schlüssel. Jemand schien sich am Schloss zu schaffen gemacht zu haben, aber es funktionierte noch.
Eugenie war fast glücklich. Der Mensch wird schnell bescheiden: Wird ihm alles genommen und dann ein wenig davon zurückgegeben, so fühlt er sich reich beschenkt. So ging es Eugenie. Und plötzlich begann der Nebel sich zu lichten. Die Schwaden waberten langsam davon, von ihr weg, hinaus durch die Ritzen des geschlossenen, aber undichten Fensters. Und der Wasserhahn tropfte. Langsam und stetig.
Eugenie ließ sich aufs Bett fallen – und landete unsanft, denn die Matratze war dünn und darunter gab es nur ein Brett. Aber das störte sie nicht. Sie lauschte dem Tropfen des Wasserhahns und ganz langsam fand sie zurück ins Spiel ihres Lebens. Sie war noch immer am Zug, auch wenn sie sich nicht an ihre letzten Schritte erinnern konnte. Sie war immer noch dran und ab jetzt würde sie wieder aktiv und bewusst spielen, alle Wege ausprobieren, um am Ende den richtigen zu finden, der sie ans Ziel führte.
Sie verstaute ihre wenigen Utensilien im Blechspind, der zwar verbeult und rostig, aber doch einigermaßen sauber war. Dann zog sie den Schlüssel aus dem Schloss der Zimmertür und befestigte ihn an einem kleinen Plüschlöwen, der einen Schlüsselring trug. Seraba hatte ihn ihr beim Abschied geschenkt. „Das ist Seraba“, hatte sie gesagt, „und der hier“ – sie zeigte Eugenie einen zweiten ebensolchen Löwen – „der hier ist Eugenie, der bleibt bei mir. Eines Tages werden die beiden Löwen wieder zusammen sein.“
Eugenie barg den kleinen Löwen in ihrer Hand und erinnerte sich. Dann gab sie sich einen Ruck und verließ das Zimmer. Sie schloss ab und begann damit, das Haus zu erforschen, das nun für die nächste Zeit ihr Zuhause sein würde. Ihr Zimmer befand sich im Erdgeschoss. Von einem langen, breiten und dunklen Flur gingen viele Türen ab, hinter denen sich andere Zimmer und andere Menschen befanden. Die alte Kaserne besaß drei Stockwerke und unzählige verschieden große Räume, einige so klein wie das von Eugenie, die meisten aber groß und mit mehreren Bewohnern besetzt. Aus den Türen tönte Musik aller Art, Streit, Lachen, Kindergeschrei und ein Gewirr vieler unterschiedlicher Sprachen. Im Erdgeschoss gab es eine große Küche, deren Einrichtung aus ein paar sehr alten Herden bestand, die teilweise ihre Drehschalter und Knöpfe verloren hatten. Geputzt worden waren sie wohl schon lange nicht mehr. Genauso wenig wie das große Spülbecken aus ursprünglich weißem Porzellan, das viele Risse aufwies und wohl nicht ganz dicht war, wie die Pfütze darunter ahnen ließ. Eugenie konnte sich nicht vorstellen, hier zu kochen, auch wenn der appetitliche Geruch, der in der Luft hing, ihr Hunger machte. Es konnte noch nicht allzu lange her sein, dass hier gekocht worden war, obwohl sich nirgends eine Menschenseele blicken ließ.
Sie ging weiter, der unterwegs immer stärker werdende Geruch nach Urin zeigte ihr den Weg zu den Toiletten. Sie warf einen kurzen Blick hinein, schloss aber schnell die Tür wieder hinter sich und ging die Treppe hinauf ins erste Obergeschoss, in der Hoffnung, dort etwas bessere Zustände vorzufinden. Im ersten Stock gab es keine Küche, dafür Gemeinschaftsduschen, die nur unwesentlich sauberer waren als die Toiletten im Erdgeschoss. Die einzelnen Duschkabinen waren durch Bretterwände, die unten und oben offen waren, voneinander abgetrennt. Ein Vorhang aus Plastik verschloss die Kabine nach außen. Bei den meisten waren einige Ringe ausgerissen und Eugenie unterteilte die Kabinen in gute und schlechte, je nachdem, ob die Aufhängung in der Mitte oder am Rand defekt war, was dann keinen vollständigen Sichtschutz bot. Zu allem Überfluss schien es keine getrennten Duschen für Männer und Frauen zu geben. Eugenie, die es gewohnt war, täglich zu duschen, grübelte, wie sie dieses Problem lösen sollte. Dann erinnerte sie sich an ihr privates Waschbecken im Zimmer und beschloss, dass dies wohl zunächst genügen müsste. Auch der dritte Stock war nicht besser. Es roch noch schlimmer nach Urin als unten. In der Mitte hatte Eugenie keine Toiletten finden können, was den fehlenden Geruch erklärte. Duschen gab es keine, Toiletten und Küche waren in einem ähnlichen Zustand wie im Erdgeschoss.
Besonders willkommen schien sie den Deutschen nicht zu sein, überlegte Eugenie, während sie die Treppe wieder nach unten ging.

Aus: Amra und Amir – Abschiebung in eine unbekannte Heimat

„Bevor ich das Auto des Nachbarsjungen reparierte, woraufhin mein Onkel ausrastete und mir erklärte bzw. erklären ließ, dass er mich schnellstmöglich verheiraten würde, hatte ich mir keine Gedanken darüber gemacht, was es für mich bedeutete, als Frau im Kosovo leben zu müssen. Ich hatte wohl bemerkt, dass die Frauen und Mädchen um mich herum keinen Fuß auf den Boden brachten, wenn sie nicht, mit welchen Tricks auch immer, einen Mann auf ihrer Seite hatten. Aber das hatte ich nie mit mir und meinem eigenen Leben in Verbindung gebracht. Ich war auch hier im Kosovo die selbständige und coole Amra. Frauen, die Unterstützung brauchten, waren andere.
Mich verheiraten zu wollen war für mich zunächst nur eine irre Idee meines Onkels. Sie ängstigte mich nicht, denn ich bestimmte über mich immer noch selbst, davon war ich überzeugt. Aber es riss mich doch aus meiner ignoranten Lebensrealität, die ich mir geschaffen hatte: Nichts sehen, nichts hören und auf bessere Zeiten warten.

Es war unsinnig gewesen, ihn so anzuschreien, er verstand mich ja auch gar nicht. Aber es tat mir gut und mein eigenes Geschrei weckte mich aus meinem Winterschlaf.
Ich konnte nicht mehr länger warten, ich brauchte Arbeit. Auch wenn meine Sprachkenntnisse noch gering waren, sie mussten genügen.
Während ich meinen gesamten Frust der letzten Monate herausschrie, damit aber nur ein Grinsen meines Onkels hervorlockte, was mein Geschrei noch steigerte, war meine Cousine dazugekommen und hatte versucht, mich ins Haus zu ziehen, was ihr aber nicht gelang. Gemeinsam mit Nehbi, die mir die Pläne meines Onkels übersetzte, schleppte sie mich dann aufs Nachbargrundstück und drückte mich auf einen der Stühle, die vor dem Haus standen. Als wir kurz darauf alle drei mit Tee versorgt waren, erklärten mir die Frau und das Mädchen die Welt des Kosovo. Ihre Welt, die jetzt ja auch meine Welt war.
Als Frau würde ich nie eine Stelle in einer Autowerkstatt bekommen, als Frau könnte ich nicht allein leben in ihrem Land, so erklärten sie mir. Sie hätten zwar vor dem Gesetz inzwischen die gleichen Rechte wie die Männer, aber im Haus meines Onkels war er das Gesetz und Esad richtete sich nach dem Kanun, den traditionellen albanischen Rechtsvorschriften. Außerdem, so erklärten sie mir, war im Kosovo fast die Hälfte aller Menschen arbeitslos und da würde eine Frau nie und nimmer Arbeit als Automechanikerin finden. Ich käme nicht an einer Heirat vorbei, und je früher ich begann mitzuspielen, desto besser wären meine Chancen, mir zumindest den bestmöglichen Mann aussuchen zu können. Ihn müsste ich dann nur glauben machen, dass er der Chef des Haushaltes sei, eine geschickte Frau würde aber immer ihren Kopf durchsetzen, ohne dass der Mann das merkte.
Ich war mir nicht sicher, ob dieses Fazit meiner Cousine von Nehbi geteilt wurde oder ob sie uns beiden nur nicht die letzte Hoffnung auf ein einigermaßen selbstbestimmtes Leben, wie es meiner Cousine vorschwebte, zerstören wollte.
Ich hatte zugehört, versuchte zu verstehen, und was ich nicht verstand, wurde mir übersetzt. Ich widersprach nicht, staunte nur, wie ein junges taffes Mädchen, wie es meine Cousine war, diesen Alptraum einer Zukunft einfach so hinnehmen konnte. Ein Mann und Kinder, das war das Leben, das sie erwartete. Wenn sie keinen Mann in ihr Bett ließ, könnte sie nicht überleben, davon war sie überzeugt. Höchstens noch als Prostituierte – und dass ihr ein Mann lieber war als viele, das verstand sogar ich.“

Aus Amra und Amir – Abschiebung in eine fremde Heimat“

Aus: Jetzt bin ich hier – Texte von Flüchtlingen und anderen Migrant*innen

Ali Gharagozlou

Brief an einen Toten

Es ist Herbst, ich schaue zum Fenster hinaus. Die gelb-orangenen Blätter bewegen sich zum Teil auf dem Boden und zum Teil in der Luft hin und her, Du kannst meinen, dass sie auf eine unhörbare Sinfonie Walzer tanzen.

Der Himmel ist grau, es muss 17 oder 18 Uhr nachmittags sein. Das Fenster ist ein wenig beschlagen, draußen ist es bestimmt recht kalt. Vielleicht sollte ich das Licht anschalten, aber ich bin irgendwie zu faul zum Aufstehen.

Es ist lange her, dass Du weg bist, mehrere Jahre. Ab und zu denke ich an Dich, wie fühlst Du Dich? Was ist aus Dir geworden? Ob die Blumen, die ich Dir gebracht habe, Dir auch gefallen oder nicht?

In der Ecke von meinem Zimmer sitzt eine Spinne, genau an einer Ecke ihres meisterhaft gebauten Netzes, in der Mitte des Netzes ist ein mittelgroßer Nachtfalter in eine seidenförmige Decke verpackt, Du könntest meinen, dass die Spinne ihn zugedeckt hat, damit er sich nicht erkältet.

Gerade wollte ich einen Schluck von meinem Kaffee trinken, aber die Tasse ist schon leer. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Du Kaffee trankst. Du hast am Sonntag immer Wasserpfeife geraucht, aber auch nur, wenn Deine Freunde Dich besucht hatten. Es ist verdammt lange her, die Zeit setzt sich genauso wie ein dicker Nebel auf die Erinnerungen und man vergisst Vieles! Sowohl Schönes als auch traurige und unschöne Ereignisse, vielleicht es ist besser so.

Es regnet und der Wind ist stärker geworden und der Himmel wird zunehmend grauer, ich glaube, jetzt muss ich das Licht anschalten, sonst kann ich nicht mehr meine Zeilen, die langsam in einander geraten, verfolgen.

*****

Ja, so ist besser, jetzt kann ich wieder meine Schrift erkennen.

Weißt Du? Ich habe sehr lange gebraucht, um Dir einen Brief zu schreiben, vielleicht war ich zu faul? Vielleicht habe ich Dich sehr lange vergessen gehabt?

Vielleicht habe ich das Ganze als sinnlos angesehen? Ich weiß es auch nicht, aber jetzt habe ich Lust, einfach zu schreiben.

Das letzte Mal, als ich Dich besucht habe, war ich 19 Jahre alt und jetzt bin ich fast 40.

Deine neue Wohnung schien mir sehr klein zu sein, als Du bei uns gewohnt hast, hast Du immerhin Dein eigenes Zimmer gehabt, das viel größer als Deine jetzige Wohnung war, mit vielen Büchern.

Damals, als Du uns verlassen hast, war auch ungefähr das Ende des Herbstes, alle waren traurig und ratlos, weil keiner von uns wusste, wie es weitergehen sollte. Ich glaube aber, Du hast am es schönsten gehabt, Du brauchtest Dich um nichts mehr zu kümmern, Du warst frei, genau wie die gelb-orangenen Blätter, die vor mir tanzen und ich fühlte mich genau wie der Nachtfalter, der im Spinnennetz festgesetzt ist.

Das Licht ist recht hell, nachdem ich heute ziemlich lang im Dunkel gesessen habe, fühle ich diese Helligkeit ganz intensiv. Bei meinem letzten Besuch kann ich mich nicht an ein Fenster in Deiner Wohnung erinnern, für Dich müsste dieses Licht bestimmt sehr, sehr stark sein. (06.11.04 Sa auf So 0:26)

*****

Wo war ich? Ach so, ja, dann habe ich auch alles hinter mir gelassen, genauso wie Du es gemacht hast. Es war eine harte Zeit, alles neu, alles fremd, die Mutter meinte, dass ich es schaffen würde, aber in Wahrheit war sie auch verzweifelt.

Sie hatte nur Angst gehabt, dass ich zur Zielscheibe werde, sonst war diese Trennung sehr schwer für sie. Damals dachte ich, wie es wäre, wenn Du noch da wärst, vielleicht wäre es gar nicht so weit gekommen, vielleicht hätte ich jetzt ein ganz anderes Leben?

Die Spinne in der Ecke hat sich bewegt, sie ist ein paar Schritte nach vorne gelaufen, dann hat sie sich umgedreht, ein paar Sekunden stillgestanden und ist dann wieder zurück auf ihren Platz. Es regnet noch, ein wenig heftiger, aber dafür weht der Wind nicht mehr so stark. Ich muss etwas tun, aber was? Ich habe weder Lust mich zu bewegen, noch weniger Lust, hier weiter zu sitzen, ich meine bei diesem Wetter, wohin kann ich gehen? Als Jugendlicher war ich sehr glücklich wenn es regnete, das Himmelsgrau hat mich immer irgendwie gefreut und ich lief immer sehr gern durch den Regen, so lange, dass sogar meine Unterwäsche ganz nass wurde.

Du hast Dich manchmal aufgeregt und gesagt: „Was soll das Ganze? Du wirst Dir eine Lungenentzündung holen.“ Das war mir alles egal, ich dachte, dass Du
Dich wieder beruhigst. Der Rauch meiner Zigarette hat sich gerade in meine Augen geschlichen, es brennt. Weißt Du noch, damals als die Mutter mitbekommen hat, dass ich rauche, war sie total aus dem Häuschen, sie war sehr wütend und du hast so getan, als ob Du von nichts weißt, vielleicht zum Schutz für den Respekt, den ich vor Dir hatte.

Ich versuche, dass es diesen Respekt zwischen mir und meinen Kindern auch gibt, halt mit ein wenig Unterschied und zwar einfach eine lockere Beziehung, möglichst, als wäre unser einziges Problem unser Altersunterschied, apropos Du hast doch meine Kinder gar nicht gesehen. (So 07.11.04 20:16 Uhr)

*****

Ich habe den Faden verloren, es ist fünf Jahre her, seit ich Dir das letzte Mal hier geschrieben habe. Es war immer so, ich wollte immer gerne mit Dir reden, aber immer habe ich den Faden verloren und dann hing ein unsichtbarer Vorhang zwischen uns Zweien. Du gingst in Deinen Raum und lasest. Ich saß in meinem Zimmer und träumte weiter, mal von der hübschen Nachbarin und mal vom Leben außerhalb des Käfigs.

Weiß Du noch, als mitten in der Nacht die Luftwaffe anfing zu schießen?

Wir saßen alle nebeneinander und dachten, hoffentlich ist es bald vorbei.

Trotz der ganzen Unruhe, trotz Deines Schweigens, trotz Mutters Aufregung und trotz des gespannten Gesichts meiner Schwester fühlte ich mich irgendwie geborgen. Ob ich diese Geborgenheit auch meinen Kinder geben kann?

Der Tag an dem Du umgezogen bist und die Bauarbeiter Deine Wohnung gerichtet haben, so schön sie konnten, damit Du Dich auch in Deinem Bett unter einer Decke aus Sand wohlfühlst, fühlte ich mich total schutzlos, wie ein Spatz der im Regen steht und keinen Unterschlupf findet. Wie jemand, der vor Gericht auf sein Urteil wartet: Freispruch oder Hinrichtung?

Es ist Jahrzehnte her, ich habe doch einen Unterschlupf gefunden, das Urteil für mich war nicht die Hinrichtung, sondern zum Weiterleben bin ich verurteilt worden.

Von der Luftwaffenstation habe ich nichts mehr gehört, den grauen Himmel habe ich auch seit ewigen Zeiten nicht mehr gesehen. Weißt Du noch, als Du mich damals zum Brot holen zur Bäckerei schicktest? Die Straßen, die in der Abenddämmerung durch das Licht der Laternen beleuchtet wurden, der Duft des frischen Fladenbrotes, die kleinen glühenden Birnen, die an den Schaufenstern der Tante-Emma-Läden hingen und in mir Lust zum Einkaufen weckten, die heimliche Raucherei, während ich durch unbeleuchtete Umwege nach Hause lief, damit mich niemand sah, der Biss ins heiße und dampfende Fladenbrot.

*****

Ja, das sind nun alles nur noch Erinnerungen, Erinnerungen, die ich zufällig in der Schatulle meines Körpers namens Hirn gefunden habe. Sie sind zum Teil verstaubt und nicht mehr identifizierbar. Aber irgendwie total vertraut.

Ich weiß es nicht, was aus der Spinne und dem Nachtfalter geworden ist.

Ich weiß es nicht, ob die Kaffeetasse, in der ich heute meinen Kaffee trinke, die gleiche Tasse wie vor fünf Jahre ist?

Ich weiß nicht mehr, wie Deine Haustür ausgesehen hat, ich weiß nicht mehr, was die Bauarbeiter nach Deinem Umzug getan haben. Ich weiß nur, dass es Herbst war und sonnig. Ich weiß nur, dass ich verdammt Angst hatte, ich weiß nur, dass meine Schwester zitterte. Ich weiß nur, dass das Gesicht der Mutter wie die Blätter, die am frühen Morgen durch den Tau überzogen sind, auch durch Tränen überzogen war und Du schliefst, es schien, dass Du kummerlos und ohne Gedanken schliefst. Es schien, dass Du träumtest.

Es schien, dass Du von einem friedlichen, Grünen Frühling träumtest. (Di.24.11.09 17:16 Uhr)

Über den Autor:

Mohammad Ali Gharagozlou

Am 05. März 1965 in Teheran/Iran geboren.

Im Jahre 1987 wegen der politischen Situation im Iran Flucht nach Deutschland.

Nach eineinhalb Jahren wurde Mohammad Ali Gharagozlou bei der ersten Anhörung für die Anerkennung des Asylantrags abgelehnt und musste noch einmal so lange auf seine zweite Anhörung warten. Dieses Mal wurde sein Asylantrag anerkannt. Seit dem Jahr 2000 besitzt Mohammad Ali Gharagozlou

die deutsche Staatsbürgerschaft.

Mohammad Ali Gharagozlou ist seit 1991 mit einer deutschen Frau verheiratet und hat zwei Kinder.

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