„Nie wieder zurück“ – Leseprobe

Fadias Eltern waren vor vielen Jahren aus Marokko nach Deutschland gekommen. Sie selbst war hier geboren, sie war in Bremen zu Hause, in dieser Stadt, die zufällig in Deutschland lag, also war sie geradeso deutsch wie ihre beste Freundin Alisa, mit der sie schon seit dem Kindergarten unzertrennlich war. Auch Alisas Eltern stammten ursprünglich nicht aus der Region, aber sie kamen nicht aus Marokko, sondern aus Bayern, was für die beiden Mädchen keinen Unterschied machte. Beides war weit weg und beide fuhren sie fast jedes Jahr in den Sommerferien dorthin, um die Großeltern zu besuchen.

Dann war da noch Jil, die Dritte im Bunde. Erst im Gymnasium war sie zu ihnen gestoßen. Jils Eltern waren nicht weit weg in einem Dorf im Emsland geboren und aufgewachsen. Fadia hatte den Namen des Dorfes längst vergessen.

„Immerhin haben sie es bis nach Bremen geschafft“, sagte Jil einmal zu den beiden Freundinnen. „Gott sei Dank. Sonst müsste ich jetzt auf dem Land versauern und hätte euch nie kennengelernt.“

Jil beneidete Fadia und Alisa um ihre Reisen nach Marokko und Bayern. Bayern war nicht weit von Österreich, der Schweiz und Italien, und das war für Jil bereits die weite Welt. Von Marokko in Afrika ganz zu schweigen. Sie selbst verbrachte mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder jedes Jahr die Sommerferien an der Nordsee. Das war nicht weit zu fahren, und die Eltern zog es nicht ins Unbekannte. Jil schon.

Fadia sah keinen Unterschied zwischen sich und den beiden anderen Mädchen. Als sie klein waren, hatten sie sowieso keinen Gedanken daran verschwendet, aber auch später waren sie einfach Freundinnen und lebten gemeinsam in der Stadt, in der sie geboren waren und die sie als ihre Heimat empfanden. Alle drei fühlten sich in Jeans und Sweatshirt am wohlsten und gemeinsam machten sie sich über die Mädchen in der Klasse lustig, die einen Großteil ihrer Zeit vor dem Schminktisch und in Nagelstudios verbrachten. Meist waren sie zu dritt bei einer von ihnen zu Hause, gingen ins Kino oder saßen im Sommer im Eiscafé, „um Jungen zu beobachten“, oder sie zogen mit „den paar halbwegs Normalen in der Klasse“, wie Alisa sich ausdrückte, wenn sie die mode- und schminkbewussten Mitschülerinnen ausschließen wollte, durch die Stadt.

In der Klasse gab es auch ein paar andere, deren Eltern, wie die von Fadia, nicht aus Deutschland stammten, aber niemand kümmerte sich wirklich darum. Es waren schließlich die Eltern, die anderswo aufgewachsen waren, nicht sie. Nur hin und wieder, wenn es aus irgendwelchen Gründen Streit gab, warf man sich gegenseitig „Kanake“ und „Kartoffel“ an den Kopf, aber schon kurze Zeit später, wenn der Streit beigelegt war, war auch das wieder vergessen.

Je mehr Fadia über dem Aufsatz grübelte, umso mehr Begebenheiten und Äußerungen fielen ihr ein, die ihr zu diesem Thema begegnet waren. Es hatte sie nie wirklich interessiert, geschweige denn beeindruckt, aber nun tauchten diese Dinge langsam, aber unaufhaltsam aus ihrem Unterbewusstsein auf. Anscheinend hatte sie eben doch alles irgendwo abgespeichert, anscheinend war es eben doch auf eine bestimmte Art und Weise wichtig für sie gewesen.

Je älter sie wurde, desto häufiger wurde sie, wenn es irgendwo in der Welt einen islamistischen Terroranschlag gab, darauf angesprochen. „Was hältst du davon? Wie stehst du dazu?“ Zunächst hatte sie gedacht, es hinge mit dem Älterwerden zusammen, und es als eine Art Kompliment aufgefasst, dass die Erwachsenen sie nach ihrer Meinung zu politischen Geschehnissen befragten. Dann hatte sie irgendwann bemerkt, dass immer nur sie gefragt wurde, nie Alisa oder Jil, und sie hatte sich erst gewundert und im Lauf der Zeit darüber geärgert.

Was interessierten sie denn diese Terroranschläge? Jedenfalls nicht mehr als ihre Freundinnen auch. Was ging es sie an, wenn irgendein Ausländer austickte und seine Ex-Frau angriff? Was hatte sie damit zu tun, wenn nordafrikanische Männer Frauen und Mädchen begrapschten? Nie hatte sie jemand gefragt, was sie davon hielt, dass der alte Stövermann, der allein in einem kleinen Haus in der Nachbarschaft wohnte, sobald ein junges Mädchen auftauchte, versuchte, sich an sie ranzumachen, sie dumm anquatschte, in sein Haus einlud und versuchte sie zu betatschen. Er war halt der alte Stövermann, die Mädchen wurden vor ihm gewarnt, sie sollten ihm am besten aus dem Weg gehen und sich fernhalten. Das war’s. Man hatte sie auch nie gefragt, was sie davon hielt, dass vor einiger Zeit ein Arbeitsloser in der Agentur für Arbeit Amok gelaufen war und mit einem Messer die für ihn zuständige Sachbearbeiterin verletzt hatte. Diese Leute waren Deutsche ohne irgendwelche ausländischen Wurzeln, das wurde Fadia jetzt klar. Sie verhielten sich zwar falsch, aber das kam eben immer mal vor. Sobald jedoch diejenigen, die sich falsch verhielten, Ausländer waren oder ausländische Eltern hatten, so wie sie selbst, dann war das plötzlich etwas, das zu den Ausländern gehörte. Kein Einzelfall, sondern typisch. Und dann war sie selbst plötzlich nicht mehr einfach Fadia, die schon immer hier lebte, wie Alisa und Jil auch, sondern dann war sie eine Ausländerin, eine potenzielle Terroristin oder zumindest auf irgendeine undurchsichtige Art mitverantwortlich für das, was „ihre“ Leute getan hatten.

„Das ist eben ihre Kultur“, hatte sie in letzter Zeit immer öfter aufgeschnappt. „Das ist eben eure Kultur“, hatte sie selbst zu hören bekommen, aber lange Zeit nicht weiter beachtet. Abgehakt unter „dumme Sprüche“ und neben „Kanake“ in den Papierkorb geworfen. Aber, so bemerkte sie nun, auch was im Papierkorb lag, war nicht weg. Es war genauso wie auf ihrem Laptop. Von der Oberfläche verschwunden, vergessen, vorbei – aber doch noch greifbar. Und jetzt kam alles plötzlich von ganz allein nach oben.

„Das ist eben deine Kultur.“

 

 


 

 

Damaris setzte alle Hebel in Bewegung, um Nadim und ihre Eltern zu finden.

„Das dauert. Sie müssen Geduld haben“, sagte man ihr.

Diesen Satz bekam sie ständig zu hören. Wenn sie nach dem Stand ihres Asylverfahrens fragte, wenn sie Schuhe für die Kinder brauchte oder noch schlimmer, Kleidung für sich selbst. Wenn sie sich nach einem Arzttermin, nach der Möglichkeit, einen Deutschkurs zu besuchen oder eine Wohnung außerhalb der Unterkunft zu bekommen, erkundigte, immer hieß es: „Sie müssen Geduld haben.“

Aber Damaris hatte keine Geduld. Vor allem wollte sie raus aus dem düsteren Gebäude, wollte einen sicheren Ort für sich und die Mädchen, wollte nachts nicht mehr durch die – hoffentlich – leeren Flure hetzen, nicht mehr den Blicken und immer häufiger auch den Berührungen irgendwelcher Männer ausgesetzt sein. Sie lebten nun schon bald drei Monate in der Unterkunft und da sich noch immer kein Mann zeigte, zu dem sie gehörte, wurden manche der alleinstehenden Männer mit jedem Tag aufdringlicher. Damaris wusste, dass sie genau wie sie selbst Angst vor der Zukunft hatten, dass sie sich langweilten und ihre Familien vermissten. Aber gab das jemandem das Recht, sie zu belästigen?

Eines Abends kam sie aus der Küche und war mit einer Kanne heißem frischgekochtem Tee auf dem Weg zurück in ihr Zimmer, wo Samira und Elin auf sie warteten. Plötzlich trat ein junger Mann auf sie zu und verstellte ihr den Weg. Sie verstand zwar seine Sprache nicht, aber es war klar, was er von ihr wollte. Er drängte sie in eine Ecke und versuchte sie zu berühren. Dies war nicht das erste Mal, dass ihr so etwas geschah. Aber anstatt wie sonst einfach beschämt wegzulaufen, in der Hoffnung, niemand hätte bemerkt, was ihr passierte, blieb sie stehen, hielt ihm die Teekanne, aus der es noch dampfte, direkt vor die Nase und schrie ihn an. „Du Brut des Teufels, willst du wohl deine Hände von einer verheirateten Frau lassen?“

Der junge Mann erstarrte, sah Damaris erschrocken an und als sich die Tür des nächstgelegenen Zimmers einen Spalt breit öffnete und jemand nachsehen wollte, wer da solchen Lärm verursachte, lief er weg.

Zurück in ihrem eigenen Zimmer begann Damaris zu zittern. Was hatte sie da nur getan? Sie hatte einen Mann beschimpft und angeschrien und sie war sogar kurz davor gewesen, den heißen Tee über ihn zu gießen. Damaris war mehr über sich selbst erschrocken als über die Absichten des Mannes, den sie abgewehrt hatte, und über die Gefahr, in der sie gewesen war. Männer nahmen sich nun einmal, was sie wollten, so hatte sie es von Kindheit an gelernt und daran geglaubt, dass das so vorherbestimmt und richtig war. Wenn Männer Frauen nach ihren Wünschen und ihrer Meinung fragten, so war das lediglich ein Entgegenkommen und musste hoch angerechnet werden. Wie kam es, dass sie plötzlich alles infrage stellte? Dass sie nach dem Recht solcher Handlungen fragte? Wie kam es, dass sie wütend geworden war, sich wehrte und nun im Nachhinein sogar Stolz empfand, den Angreifer in die Flucht geschlagen zu haben?

Sie hatte sich verändert und dieser Prozess war noch lange nicht beendet, wurde ihr in diesem Augenblick klar. Sie war nun schon fast zehn Monate lang auf sich allein gestellt und sorgte ohne männliche Unterstützung für die Kinder und sich selbst. Anfangs war sie erstaunt darüber gewesen, dass sie das konnte, ja, dass sie sogar sehr gut darin war, im Kümmern und Verantwortung-Übernehmen. Natürlich benötigte sie in vielen Dingen Hilfe und Unterstützung von Menschen wie Frau Alteruthemeyer oder Rosa, in dieser für sie völlig neuen Welt, aber das brauchten die Männer auch. Je mehr Damaris erkannte, welche Fähigkeiten sie besaß, wie stark sie war, wie selbständig sie leben und für ihre Kinder sorgen konnte, umso mehr drängte sich ihr die Frage auf, woher Männer eigentlich das Recht nahmen, über Frauen zu bestimmen. Solange sie sich wehrlos gefühlt hatte, solange sie daran geglaubt hatte, von Natur aus schwach und als Frau allein hilflos dem Leben ausgeliefert zu sein, so lange hatte sie die fortwährende Bevormundung nicht infrage gestellt. Manchmal war es ja auch bequem, sich nicht kümmern zu müssen und einfach den Vater und später Nadim machen zu lassen. Aber oft war sie auch unglücklich gewesen, wenn über ihren Kopf hinweg bestimmt wurde. Das erkannte sie jetzt deutlich. Damals hatte sie es als unabänderlich und naturgegeben hingenommen.

 

 

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Neben ihrer hauptberuflichen Arbeit bei der VHS leitete Kai einen ehrenamtlichen Deutschkurs für geflüchtete Frauen, die keinen Anspruch auf einen Platz im Integrationskurs hatten, weil noch nicht klar war, wie lange sie in Deutschland bleiben dürften. Sie vermittelte ihnen zweimal wöchentlich Grundkenntnisse der deutschen Sprache in einem Raum der Volkshochschule, der kostenlos zur Verfügung gestellt wurde.

Sie hatte schon seit Längerem ein Auge auf die beiden jungen Frauen, die vor einigen Wochen kurz nacheinander in ihrem Sprachkurs aufgetaucht waren. Kai konnte beobachten, wie sich ziemlich schnell eine enge Freundschaft entwickelte, und bald schon witterte Kai mehr. Wie ein frisch verliebtes Paar wirkten die beiden bereits nach kurzer Zeit auf sie. Die junge Frau aus Uganda schien eindeutig lesbisch zu sein. Kai sah in ihren Unterlagen nach und konnte anhand der Adresse feststellen, dass Jane in der Unterkunft für queere Geflüchtete wohnte. Ihr Gaydar hatte also wieder einmal zu Recht ausgeschlagen. Bei Janes Freundin Damaris war Kai unsicher. Damaris hatte zwei Töchter, die sie zum Sprachkurs mitbrachte und mit denen sich Jane bestens verstand. Eine arabische Mutter war mit größter Wahrscheinlichkeit verheiratet, aber das musste ja nichts heißen. Kai sah sich auch Damaris‘ Unterlagen an. Die übliche Geschichte. Jung verheiratet, mit Mann und Kindern und ihren Eltern geflüchtet, weil sie zu Hause in Gefahr waren oder sich in Gefahr glaubten. Unterwegs wurde die Familie getrennt und Damaris gehörte nun zu den sogenannten alleinreisenden Frauen.

Kai wurde nicht schlau aus Damaris und eigentlich ging es sie ja auch nichts an. Aber etwas hatte bei ihr angeschlagen, das die junge Frau mit ihrem Verhalten Jane gegenüber bei ihr auslöste. Etwas, das Kai an ihre eigene Vergangenheit und ihre viel zu lange währende Unwissenheit über sich selbst erinnerte. Hatte sie es damals nicht gewusst oder nur nicht wissen wollen? Sie war schon über dreißig Jahre alt, als sie sich eingestand, Frauen zu lieben, lesbisch zu sein. In der Art des Umgangs der beiden Freundinnen miteinander, auch wenn die eine Araberin war und die andere aus Uganda kam, fand sich Kai als junge Frau wieder. Enge Freundschaften, die eigentlich mehr hätten sein können, die sie aber nie mehr hatte werden lassen. Wie viele Frauen hatte sie verletzt, durch ihre Art, offen und emotional auf sie zuzugehen und dann plötzlich einen Schlussstrich zu ziehen, sie gegen eine Mauer laufen zu lassen? Später hatte sie das alles aus der anderen Position erlebt und ahnte nun, was sie da immer wieder angerichtet hatte.

In den 1960er- und 1970er-Jahren in einer bayrischen Kleinstadt groß geworden, hatte Kai lange Zeit nicht einmal gewusst, dass es etwas anderes gab als die Liebe zwischen Mann und Frau, geschweige denn hatte sie jemals das Wort Lesbe gehört. Nach dem Abitur zog sie zum Studium nach Göttingen, dort hätte sie schnell alles erfahren und lernen können, was es in diesem Bereich zu erfahren und zu lernen gab. Aber sie hatte es nicht zugelassen, hatte sich nicht dafür interessiert oder nicht dafür interessieren wollen, um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen. Ganz sicher war sich Kai bis heute nicht. Es hatte Jahre gebraucht, bis sie sich eingestand, was sie wirklich an den Frauen anzog, die sie nie mehr als gute Freundinnen hatte werden lassen. Erst hatten beide Eltern sterben müssen. Früh schon der Vater und dann, als Kai dreißig Jahre alt geworden war, die Mutter. Danach hatte es nicht mehr lange gedauert. Plötzlich verstand Kai, was sie die ganzen Jahre über so einsam gemacht hatte, was an ihr anders war und was ihr Frauen bedeuteten. Plötzlich wusste sie, wer sie wirklich war, und tappte nun prompt in die gleiche Falle wie zuvor die anderen. Jetzt war sie lange Zeit diejenige, die wusste, was sie wollte, aber nicht zum Zug kam.

Seit Damaris den Sprachkurs besuchte, kamen immer wieder diese Erinnerungen hoch. Erst hatte Kai nicht das Wissen gehabt und dann nicht den Mut gefunden, sich aus ihrer streng katholischen Kultur zu befreien, die keine Lesben und Schwule duldete. Damals noch weniger als heute, wobei sich immer noch nicht allzu viel verändert hatte. Kai kehrte der Kirche schon bald den Rücken, nachdem ihr klar geworden war, dass sie als bemitleidenswertes Schäflein galt, das ein schweres Schicksal zu tragen hatte, sich mit dieser falschen Liebe aber auf keinen Fall wohlfühlen und sie vor allem nicht ausleben durfte.

Und jetzt war da diese junge Frau, die ihre Familie verloren hatte und die dadurch, trotz allem damit verbundenem Unglück, vielleicht auch die Chance bekam, sich selbst zu finden. So traurig es war, Kai hatte es selbst erlebt: Ohne Eltern öffneten sich manchmal Wege, die konfliktscheuen Töchtern und Söhnen sonst verschlossen blieben.