Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen – Die Asylentscheiderin

Was macht es eigentlich mit den Betroffenen beider Seiten (den Asylsuchenden genauso wie den Asylentscheider*innen), wenn völlig fachfremde Menschen in einem Crash-Kurs angelernt und nach wenigen Wochen ins kalte Wasser geworfen werden, um über menschliche Schicksale zu entscheiden?

Dieser Frage gehe ich in meinem neuen Roman nach:                        

Inhalt:

Bundesweit sucht das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ca. 300 tatkräftige, mutige und entscheidungsfreudige Frauen und Männer der Deutschen Post, um für 6 – 12 Monate als Entscheider alle anhängigen Asylverfahren verantwortungsbewusst zu bearbeiten.
Originaltext einer Ausschreibung des BAMF aus dem Jahr 2016

Dieser Aufruf kommt Jule, die sich in einer Lebenskrise befindet und nach Neuorientierung sucht, gerade recht. Sie glaubt, wenn sie dabei hilft die Flüchtlinge zu unterscheiden in solche die Schutz verdient haben und solche, die nur kommen, um ihrer Armut zu entfliehen, kann sie den wirklich Verfolgten helfen.

Doch je mehr Fluchtgeschichten sie anhört, umso schwerer fällt es ihr, die meist verzweifelten Menschen die zu ihr kommen und deren weiterer Lebensweg von ihrer Entscheidung abhängt, in richtige und falsche Flüchtlinge einzuteilen.

Auf einem Klassentreffen begegnet sie Cochise, die sich für offene Grenzen einsetzt. Die beiden Frauen fühlen sich voneinander angezogen, ihre unterschiedlichen politischen Ansichten führen aber immer wieder zu Konflikten.

Dann begleitet Jule Cochise nach Griechenland, wo diese ein Prozess wegen „Schlepperei“ erwartet …

Das Buch gibt es in jeder Buchhandlung / online-Buchhandlung zum VK von 12,80 Euro.  Außerdem im Verlagsshop oder direkt bei mir. Ebenfalls gerne direkt bei mir kostenlose Rezensionsexemplare zur Besprechung in Print- und Online-Medien anfordern.

Gerne lasse ich mich auch zu Lesungen aus meinem neuen, aber auch aus meinen bereits erschienenen Büchern, die allesamt die Themenbereiche Flucht/Asyl/Abschiebung behandeln, einladen.

 

 

Leseprobe:

Genügte es wirklich, mich auf ein paar allgemeine Länderberichte, die in meinem Regal standen zu stützen und den Rest im Internet per Suchmaschine zu recherchieren? Fehlte mir nicht im Grunde die richtige Ausbildung, um so tiefgehende Entscheidungen zu treffen, die ganze Leben beeinflussten? War ein solcher Crashkurs, wie ich ihn durchlaufen hatte, genug? Nicht nur mein Hintergrundwissen erschien mir mit jedem Tag, den ich im Amt verbrachte, zweifel- und mangelhafter. Auch an psychologischem Wissen fehlte es mir. Wie konnte ich die Menschen, die vor meinem Schreibtisch ihr Innerstes ausbreiten mussten und dabei häufig in ein tiefes mentales Loch fielen, auffangen? Wie konnte ich Situationen in den Griff bekommen, die nahe an einer Retraumatisierung meiner Klienten waren, weil sie intimste Dinge erzählen mussten, um Erfolg zu haben. Dinge ausgraben mussten, die sie mit gutem Grund monate-, vielleicht sogar jahrelang verdrängt hatten?

Und wenn sie nichts erzählen konnten von Bomben und Folter und Vergewaltigung, weil es da nichts gab, sie aber dennoch nicht mehr die Kraft hatten, die Armut und die Hoffnungslosigkeit ihres Lebens weiter auszuhalten? Wenn sie mir in ihrer Angst davor, ins Nichts ihres alten Lebens zurückgeschickt zu werden, vielleicht sogar Lügengeschichten auftischten – woher nahm ich das Recht, darüber zu befinden, wie man ein „besseres Leben“ definierte und wer Grund genug hatte, in der Fremde nach diesem besseren Leben zu suchen? Konnte ich, die ich nichts kannte, als unseren Wohlstand, wirklich darüber eine Aussage treffen, ob das Leben der Roma in den Slums der Vorstädte, das Leben verarmter Bauern und Fischer, arbeitsloser Frauen, ungenügend bezahlter Lehrer oder verängstigter Homosexueller genug Lebensqualität besaß, um ihnen eine Verbesserung abzusprechen? Hatte ich Einblick genug in das Leben der Anderen, um mit gutem Gewissen auszusieben?

Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen?

Genügte es, mich als Entscheiderin nach der Theorie gesetzlicher Vorgaben zu richten oder mussten wir nicht auch oder vielleicht sogar in erster Linie Moral und Ethik in unsere Entscheidungen einbeziehen?

Aber wenn mir die Theorie nicht ausreichte als Entscheidungskriterium, durfte ich denn meine Moral über das Gesetz stellen, wenn mein Gewissen mich dazu drängte? Wenn das jeder machte, was wäre die Folge? Würden wir nicht über kurz oder lang in der Gesetzlosigkeit, bei einer Art Lynchjustiz landen?

Fragen über Fragen, ich wurde immer unsicherer, dabei hatte ich noch vor Kurzem gehofft, endlich die Kurve zu kriegen und schon sehr bald emotional unbelastet, mit Routine und Überzeugung meine Entscheidungen treffen zu können.

 

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